Bekränzungsrede

KATHARINA MEYER:

Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler,
sehr geehrtes Lehrerkollegium,
liebe Eltern, liebe Ehemalige unserer Schule, verehrte Anwesende!

„Vitam agant ordine Scholastico dignam et quanto ceteris e plebe hominibus dignitate praestant“
“Sie sollen ein ihrem Bildungsgang würdiges Leben führen, und je mehr sie die übrigen Männer aus dem Volk an Würde übertreffen, desto mehr sollen sie versuchen diese durch Sittenreinheit und würdiges Verhalten zu überragen. So werden sie auch für sich selbst leicht Freunde finden, und sie werden durch tüchtiges Studieren einzigartiges Ansehen gewinnen. „
Dieses Schulgesetz aus der Schulordnung von 1605 nennt eine wichtige Zielsetzung unseres Schulgründers Herzog Johann Casimir. Eine Bildungsidee liegt hier zugrunde, die neben dem Wissenserwerb auch die sittliche Bildung der Menschen anstrebt.

Ungefähr 200 Jahre später formuliert Friedrich Schiller, ein Dichter voll fortschrittlicher Ideen und Visionen, ähnliche Ziele. In seinen Dramen, Gedichten und Balladen, historischen wie auch literaturtheoretischen Schriften greift er mit Leidenschaft Themen auf, die damals wie heute an Aktualität kaum zu übertreffen sind und in denen die Bildung ebenfalls eine zentrale Rolle spielt und lehnt sich gegen Missstände in Politik und Gesellschaft auf. Vor allem sein Plädoyer für die Freiheit als Voraussetzung für sein Bildungsideal, und umgekehrt Bildung als Voraussetzung für die Freiheit des Individuums kommt in zahlreichen Werken zum Ausdruck.
Als Kind der Aufklärung verfolgt er das Ziel der Umgestaltung der absolutistischen Herrschafts- und Machtstrukturen in Europa.


In vielen seiner Schriften behandelt er den Kampf gegen die Tyrannei in ihren vielfältigen Formen. Bereits in seiner Schulzeit in Stuttgart auf der Hohen Karlsschule wurde der Marbacher Jugendliche mit der Unmenschlichkeit des dort geforderten absoluten Gehorsams und der damit verbundenen Unfreiheit konfrontiert. Jeder Tag wurde beherrscht von militärischem Drill und überlangen Unterrichtsstunden. Das Leben in dieser „Sklavenplantage“, wie Daniel Schubart es nannte, war schließlich Auslöser für sein erstes, heimlich geschriebenes Drama „Die Räuber“, in dem er zum Kampf gegen alle Tyrannen und Diktatoren aufruft, also gegen so manchen deutschen Fürsten seiner Zeit, und sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte innerhalb der Gesellschaft ausspricht. Wenig später wagt er es im „Don Carlos“, sich gegen obrigkeitsstaatliches Denken aufzulehnen, und entwirft im Gespräch zwischen König Philipp und Marquis Posa die utopische Idee einer Republik, in der Herrscher und Volk Arm in Arm in eine glückliche Zukunft gehen. Ihm geht es dabei besonders darum, nach einem fortschrittlichen Staat zu suchen, in dem jeder Mensch unabhängig und frei sein könne, in dem sich die Regierenden ausschließlich um das Wohlergehen der Bevölkerung bemühen.

In seiner berühmten „Ode an die Freude“, von Beethoven in seiner 9. Symphonie vertont und somit die heutige Europa-Hymne, spricht er vom „Männerstolz vor Fürstenthronen“. Aber die Thronbesteigung des Volkes, symbolisiert in der Volkssouveränität, ist nicht maßgeblich der Vorteil, den Schiller in der republikanischen Freiheit sieht. Sie ist für ihn eine Freiheit, die „den Menschen zum Menschen macht“, die Maßstab und Wertorientierung für das politische und gesellschaftliche Handeln ist. Er fordert hier eine innere Wandlung statt eines äußeren Umsturzes. Demzufolge war er vom blutigen Terror im Verlauf der Französischen Revolution, deren Gedankengut von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ er bejahte, zutiefst enttäuscht.

Da für ihn der Weg der Freiheit kein revolutionärer war, sondern eine kontinuierliche Entwicklung des Bewusstseins des Menschen dahingehend, dass innere Freiheit und Toleranz die zentralen Werte des Zusammenlebens sind und vor jedweder Form der Diskriminierung und Unterdrückung schützen.

In diesem Zusammenhang hat für Schiller das Theater die dazu nötige erzieherische Funktion. In seiner frühen Schrift „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ misst er der dramatischen Kunst den Zweck der „Bildung des Verstandes und des Herzens“ vereinigt mit „edelster Unterhaltung“ bei. So sei das Theater (Zitat) „eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele.“ (Zitatende)
Damit ist also Bildung die Grundbedingung, die erst die persönliche Freiheit und Entwicklung entfaltet; diese Bildungsidee ist nach wie vor und ganz besonders heute von hoher Aktualität, sollte als Ziel von allen Menschen angestrebt werden und ist zutiefst demokratisch. Doch wie stellt sich Schiller diese Entwicklung des Bewusstseins vor?

Schlüsselbegriff ist hier die Erziehung, verstanden als Streben nach dem Ideal der Vollkommenheit. Besonders interessant, gerade unter einem modernen Blickwinkel betrachtet, sind seine Überlegungen in den „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“. Hier verfolgt er die Idee, dass die Erziehung zwischen den naturgegebenen Trieben, der Sinnlichkeit einerseits, und dem vom Staat- und Gemeinwesen geforderten Verstand andererseits vermitteln soll. Der Schriftsteller kann diesen Ausgleich bereits in seinem Kunstwerk vorwegnehmen und gestalten. Der klassische Held verkörpert die Harmonie von Gefühl und Verstand, von Pflicht und Neigung, von Natur und Geist. Er führt dem Publikum Möglichkeiten der sittlichen Vervollkommnung vor Augen.
Auf diese Weise ist eine moralische Besserung des Menschen möglich. Sie gründet sich zum großen Teil auf der Handlungsfreiheit des Einzelnen. Schiller übernimmt hier die Ideen des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant, dessen 200. Todestags wir im letzten Jahr gedachten, der Freiheit als Unabhängigkeit von der die Natur beherrschenden Kausalität definierte. Freiheit also als Voraussetzung für den kategorischen Imperativ, der bekanntesten ethischen Handlungsmaxime: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie zu einem allgemeinen Gesetz werde.“
Bei Schiller gelangt der Mensch aber erst dann ganz zur Freiheit, wenn er zum „homo ludens“, zum „spielenden Menschen“ wird, der durch das Spielen zur vollendeten Handlungsfreiheit gelangt. Nicht durch Spielen im herkömmlichen Sinn, sondern durch das Spiel als eine menschliche Leistung, die alleine in der Lage ist, die eigene Persönlichkeit, das eigene Wesen reifen zu lassen. Zitat „Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Zitatende) Erziehung muss dem Menschen demnach freies, eigenes Denken gewähren und den dazu nötigen Freiraum, die nötige Muße! Übertragen auf die Schule, die doch für uns Jugendliche einen wichtigen Teil unseres Erziehungsprozesses ausmacht, bedeutet dies nichts anderes, als dass die Schule den Schülern Freiräume gewähren muss, in denen sie ihre eigene Kreativität und ihre eigenen Ideen erproben können.
Unser Gymnasium bietet hier für seine Schüler ein vielfältiges Angebot innerhalb und außerhalb des Pflichtunterrichts, wie die zahlreichen Aktivitäten alljährlich beweisen. Bildung am Casi bedeutet aber auch eine Harmonie zwischen geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fächern. So legt auch die Festschrift zum 400-jährigen Bestehen unserer Schule ein beredtes Zeugnis von dieser Tatsache ab. In welchem Buch sind schon Aussagen zum außerordentlichen Stellenwert des Griechischen in der modernen Welt mit Aussagen der Neurobiologie zum Fremdsprachenlernen vereint?
Schiller erkennt jedoch selbst, dass seine Bildungsidee lediglich ein Ideal ist. Zwar seien, wie er ausführt, im antiken Griechenland rationale und sinnliche Erfahrungen vereint und die Menschheit mit der Erkenntnis des Wahren und Schönen gesegnet gewesen. Den Menschen seiner Zeit beschreibt er demgegenüber als ein gespaltenes Individuum, eine Tatsache, die bis heute gilt, ja, die sich noch stärker ausgeprägt hat. Haben nicht viele Menschen heute ihre „Totalität“ verloren, sind nur noch „Rädchen und Schräubchen des seelenlosen Uhrwerks Staat“, sind durch Arbeitsteilung und Spezialisierung in der modernen, von Informationstechnik und Globalisierung gekennzeichneten Welt in ihrem Sein reduziert worden? Läuft nicht der heutige Mensch Gefahr, seine individuelle Freiheit zu verlieren, da er Mechanismen ausgesetzt ist, die er nicht mehr beeinflussen kann oder will? Wir sprechen von Konsumterror, Massengesellschaft, Modediktat, Infotainment usw. Wir lassen uns durch die Unterhaltungsindustrie vordergründig berieseln und beeinflussen, jagen nach materiellen, nach äußeren Werten. Aber schon vor über 200 Jahren schreibt Schiller, dass das Drama seiner Zeit auf allen Ebenen der Gesellschaft das Bild „menschlichen Zerfalls“ und der „Verwilderung“ sei. Die Ursache liegt seiner Meinung nach im „Nutzen“, den er als „Idol der Zeit“ beklagt. Durch den „lärmenden Markt des Jahrhunderts“ sei der Mensch „vom Geschäftsgeist […] eingeschlossen“. Damit kritisiert er zwar eindeutig die materialistischen Tendenzen der Gesellschaft seiner Epoche, könnte aber ebenso unsere Zeit damit charakterisieren! Denn zunehmender Druck im Arbeitsprozess, manchmal Leistung um jeden Preis und Handeln ohne moralische Skrupel prägen unsere Wirklichkeit. Freizeit wird zunehmend zum Fremdwort, frei Zeit, also Muße, geht mehr und mehr verloren; nicht nur frei zu sein von etwas, sondern auch frei zu sein für etwas ist oft nicht mehr möglich. Das heißt also, eine Ästhetisierung des Menschen im Schillerschen Sinn kann schon aus Zeitgründen heute kaum mehr stattfinden und damit auch nicht die daraus resultierende moralische Entwicklung des Menschen.
So trägt die Auseinandersetzung mit Schillers Gedankenwelt beständig dazu bei, über das Menschsein, über die Welt, die Gesellschaft und ihre Werte nachzudenken, und vor allem, diese auch kritisch zu hinterfragen. Die Schule muss dazu einen wichtigen Beitrag leisten, und unser Gymnasium hat durch die Jahrhunderte hindurch bewiesen, dass es dieser Aufgabe immer wieder aufs Neue gerecht wurde.
2005, ein Jahr vieler Gedenktage! 400 Jahre Casimirianum -
200 Jahre Tod Schillers, des berühmten Klassikers
und...



CHRISTIAN MATEK:


„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Dies ist ein oft zitiertes Bekenntnis von Immanuel Kant aus dem Jahr 1788. Es gibt nicht nur einen Einblick in das Weltverständnis des bis zum heutigen Tag richtungsweisenden Philosophen aus Königsberg. Es lässt auch etwas von der Aktualität, der Tragweite der Ideen aus der Zeit der Aufklärung erahnen. Kants Einsichten in die prinzipiellen Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens bedeuteten zu ihrer Zeit eine geistige Neuorientierung, einen neuen Ansatz zur Bestimmung der Position des Menschen in seiner Umwelt mithilfe der Vernunft. Ebenso kommt in dem Zitat Kants tiefes, existenzielles Interesse für die Abläufe in der Natur zum Ausdruck, der er sich beim Anblick des Sternenhimmels gegenübergestellt sieht. Es ist gerade die Verbindung von Naturerlebnis und philosophischer Überlegung, die Kants geistige Weltsicht kennzeichnet.
In ihrer Neuartigkeit und Modernität gaben die aufklärerischen Ideen bereits kurze Zeit nach ihrem Erscheinen entscheidende Impulse für das europäische Geistesleben. So kann es kaum verwundern, dass auch Schiller sich von ihnen in Bann gezogen fühlte und den Vernunftbegriff zu einem entscheidenden Leitgedanken seines Werkes werden ließ.

Doch auch über hundert Jahre später ging von Kants Werken noch eine ungeheure Anziehungskraft aus. Dieser Anziehungskraft erlag im Jahr 1895 auch ein 16-jähriger Schüler von der Kantonsschule in Aargau. Begeistert, ja geradezu „berauscht“ habe er sich an den bedeutenden Werken der Philosophie Kants, sagte später einer seiner Klassenkameraden.
Später, das war zu einem Zeitpunkt, als der Betreffende bereits selbst Erkenntnisse gewonnen hatte, die ihm seinen Platz in der Geistesgeschichte sichern. Diese Erkenntnisse und gleichermaßen seine ganz persönliche, manchmal exzentrische Erscheinung brachten ihm ebenfalls Popularität ein, eine so große sogar, dass am Ende seines Lebens die Angabe seines Nachnamens und des Landes, in dem er lebte ausreichten, um einen Brief sicher zu ihm zu lenken: EINSTEIN, U.S.A.

Seine wichtigsten Ideen veröffentlichte Albert Einstein, der in Ulm geborene Physiker mit seiner bewegten Lebensgeschichte, vor hundert Jahren, in seinem „annus mirabilis“, seinem wundersamen Jahr 1905. Heute zählen die Konsequenzen seiner Arbeit zu den Hauptgrundlagen des naturwissenschaftlichen Weltverständnisses. Unter ihnen finden sich so wohlbekannte Ergebnisse wie die Beziehung E=mc2 über die Gleichwertigkeit von Masse und Energie, die oft schlagwortartig als Synonym für die moderne Naturwissenschaft bzw. deren Unanschaulichkeit verwendet wird. Einstein gelang es vor hundert Jahren nachzuweisen, dass viele in den Augen seiner Zeitgenossen eindeutig feststehende Begriffe und Denkweisen so nicht haltbar waren. Aus dieser Feststellung entwickelte Einstein neue, grundlegende Theorien, beispielsweise über die Natur von Raum, Zeit und Gravitation. Ausgehend von Einsteins Arbeiten wurde und wird das naturwissenschaftliche Weltbild bis heute immer weiter ausgearbeitet.

In einem Jahr der Jubiläen und der historischen Rückblicke wie 2005 ist es nötig zu erwähnen, dass die Idee eines wissenschaftlichen Weltbildes nicht erst aus der jüngeren Vergangenheit stammt. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften sind das Ergebnis einer jahrtausendelangen interkulturellen Gemeinschaftsleistung, einer im positiven Sinn globalisierten „Jagd nach der Wahrheit“.
Alle Versuche, die Internationalität der Naturwissenschaft in Frage zu stellen oder sie für ideologische Zwecke zu missbrauchen, sind zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.


Spuren naturwissenschaftlichen Forschens finden sich bereits in den antiken Hochkulturen des Orients, in Mesopotamien oder in Griechenland. Grundlagen des Wissens sind noch heute die Erkenntnisse eines Archimedes von Syrakus oder eines Pythagoras von Samos. Letzterer war übrigens auch Begründer einer bedeutenden philosophischen Denkschule.
Die Ideengeschichte der Naturwissenschaften stellt eine direkte Verbindung her zwischen den Denkern der Antike, des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit. Die Beiträge Einsteins zum naturwissenschaftlichen Weltbild können also ebenfalls in dieser Tradition gesehen werden.


Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, Albert Einsteins Leben an dieser Stelle nur im Hinblick auf seine wissenschaftlichen Leistungen zu sehen. Die Größe des Menschen Einstein erschließt sich erst mit Blick auf sein Lebensschicksal.
In die Lebenszeit des großen Physikers fallen zwei Weltkriege, die Ursache für sein leidenschaftliches Eintreten für Frieden und internationalen Ausgleich wurden. Einstein wusste aus eigener Erfahrung genau, wovon er sprach, wenn er sich gegen Krieg und jede Form von Diskriminierung wandte. Er selbst hatte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 Deutschland verlassen müssen. Er selbst hatte den Beginn des Atomzeitalters mit seinem gesamten Zerstörungspotential miterlebt, das auch durch seine Erkenntnisse erst möglich wurde.

Sowohl die Ideen der Aufklärung als auch die der Freiheit verbinden schließlich die beiden Geistesgrößen, derer im Jahr 2005 gedacht wird. Schiller und Einstein, zwei Denker, die, ausgehend von erstaunlich ähnlichen philosophischen Überlegungen zu revolutionären Einsichten in ihrem Tätigkeitsfeld gelangten. Beide erlitten das Schicksal der Vertreibung, und beide mussten sie die Verwendung ihrer Ideen für Zwecke miterleben, die ihren Grundüberzeugungen zuwider liefen. Schiller und Einstein sahen ihre Welt auf unterschiedliche Weise. Zwischen ihren Schaffenszeiten liegt mehr als ein Jahrhundert. Und dennoch: Ihre Fähigkeit, neu zu denken verbindet sie über alle inhaltlichen und zeitlichen Unterschiede hinweg. Die Auswirkungen dieses neuen Denkens sind bis heute zu spüren. Die geisteswissenschaftliche und die naturwissenschaftliche Perspektive schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich zu einem komplexen, aber ebenso umfassenden Ganzen. Jede für sich spiegelt jeweils nur eine Facette des Weltverständnisses.

Einstein hat zur Verbindung der beiden Weltsichten formuliert: „Wenn ein gewisses technisches Können erreicht ist, verschmelzen Wissenschaft und Kunst gern zu Ästhetik. Die großen Wissenschaftler sind auch immer Künstler.“
Dieser kreative und universale Zugang zur Umwelt erweist sich in der jüngsten Vergangenheit als immer wichtiger. In einer Welt, in der Fragestellungen von immer größerer Komplexität auftreten, muss jeder Einzelne zu selbstständigen Beurteilungen in der Lage sein. Schließlich ist es das Hauptkonzept einer freiheitlichen Demokratie, dem mündigen Bürger Freiheiten und Mitgestaltungsrechte einzuräumen, auch und gerade wenn es um komplexe Themen wie beispielsweise die Ethik in der Forschung geht.

Diese steigende Vernetzung und Verflechtung von Fachgebieten, die sich zunächst eher fremd und isoliert scheinen, stellt neue Anforderungen an die Bildung des Menschen.
Ihre Aufgabe ist und bleibt es, den Menschen auf die Welt als ganze vorzubereiten und ihn so erst in die Lage zu versetzen, die umfangreichen Freiheiten und Möglichkeiten, die sich ihm bieten, sinnvoll für ihn und seine Umwelt zu nutzen. Dies lässt Abgrenzungen und Schranken innerhalb des Bildungshorizonts zunehmend als störend und willkürlich erscheinen und verlangt nach universalen Bildungsansätzen, die die Gesamtheit und Komplexität der modernen Umwelt, die übergeordnete Perspektiven mit ins Kalkül ziehen.

Dieses Konzept der universalen Bildung ist keine Erfindung der Postmoderne, die mit griffigen Schlagwörtern wie IT, Computerisierung und World Wide Web aufwartet. Der Beweis dafür findet sich wenige Meter über uns: Wer sich die Inschrift an der Stirnseite des Casimirianums durchliest, der wird den Hinweis finden, diese Schule sei 1605 als „artium liberalium domicilium“, als „Wohnsitz der freien Künste“ gegründet worden. Die sieben freien Künste, das ist, modern gesprochen nichts anderes als ein ausgewogener Bildungsansatz aus Musik, Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik und Astronomie, dessen Grundidee aus der Antike stammt und der sich über das Mittelalter hinweg bis in die Neuzeit als immer wieder fruchtbar für die europäische Kultur erwiesen hat. Die Bezeichnung FREIE Künste lässt darauf schließen, dass man diese Fächermischung in der Zeit, als sie formuliert und gelehrt wurde, lediglich Freien, das heißt nicht in sozialer oder wirtschaftlicher Abhängigkeit lebenden Menschen nahe brachte.

Die umfassende Freiheit, die wir heute kennen, die uns vielfältige Rechte verfassungsmäßig zusichert, war zu dieser Zeit noch nicht allgemein verwirklicht - auch nicht im Coburg Johann Casimirs. Aber die in der Renaissancezeit entwickelten Bildungskonzepte trugen, sie wurden immer wichtiger für die Entwicklung der Freiheit.
Zurückschauend lässt sich sagen:

Bildung und Freiheit gehören zusammen, sie bedingen sich gegenseitig.

Dazu gibt es eine interessante Geschichte aus altgriechischer Zeit:
Ein Vater ging zu einem Philosophen, um bei ihm seinen Sohn in die Lehre zu geben. Der Philosoph verlangte dafür einen hohen Preis.
„So viel?“, empörte sich der Vater, „dafür kann ich mir ja einen Sklaven kaufen!“ „So kauf dir einen“, antwortete der Philosoph, „dann hast du zwei.“

Diese Geschichte hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Sicherlich ist eine umfassende Bildung keine Garantie. Sie allein konnte weder Kriege verhindern noch ausschließlich für Wohlstand und Sicherheit sorgen. Aber wer sie entbehrt, der wird damals wie heute zum Sklaven seiner Zeit und er war und ist nicht in der Lage, die brennenden Probleme seiner Umwelt zu erkennen und sie mit Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein zu lösen. Eine solide Bildung sollte uns daher einiges wert sein. Die demokratische Freiheit unserer Tage, die Manchem so selbstverständlich erscheint, dass er sie allzu leichtfertig preiszugeben bereit ist, kann nur mithilfe der universalen Bildung erhalten und sinnvoll genutzt werden. Schiller und Einstein haben beide auf ihre Weise diesen Weg gebahnt.

Das Casimirianum, das sich heute auf dem Weg in das fünfte Jahrhundert seines Bestehens begibt, ist eine Schule, die die Entwicklung der europäischen Bildungsidee hin zu einer immer größeren Komplexität über lange Zeit begleitet hat. Es darf und muss sich daher in der Tradition dieser Bildungsidee sehen. In diesem Sinn soll der Schule zum heutigen Anlass gewünscht werden, dass es ihr auch in Zukunft und inmitten aller zeitlichen Strömungen immer wieder gelingen möge, ihren individuellen, kreativen und charakteristischen Weg zu finden, diese Idee im Kern zu bewahren und sie doch immer wieder aufs Neue mit Inhalten auszufüllen.


Katharina Meyer / Christian Matek

Bekränzungsrede
anlässlich des
400. Stiftungsfestes
des
Gymnasiums Casimirianum Coburg

am

Freitag, 22.Juli 2005, 18 Uhr

23.07.05 schmitt



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