Chamäleon oder Bauchredner?

Erfolgsautor Ingo Schulze las im Casimirianum


1962 in Dresden geboren, Altphilologe, Dramaturg, Mitarbeiter einer Zeitung, erregte Schulze 1995 Aufsehen mit dem Erzählband "33 Augenblicke des Glücks" und schaffte den Durchbruch 1998 mit dem Roman "Simple Storys". Am Mittwoch, dem 2. Oktober 2002, las er in der Aula des Casimirianums vor den Klassen 10 bis 13.

Ingo Schulze Nach dem Urteil des "New Yorker" gehört der Autor zu den vielversprechendsten jungen europäischen Erzählern. Seine Geschichten gelten als kalaidoskopartige Momentaufnahmen, als seine Stilmittel werden Understatement, Ironie, Lakonismus, Dialog sowie der "Kamerablick" und die "Resonanzbodentechnik" genannt.

Beim Vortrag des dritten "Augenblicks" erlebten die Schüler mit, wie ein deutscher Manager, mit dem Auftrag nach St. Petersburg geschickt, ein Anzeigenblatt aufzubauen, Zeuge der Entfaltung der" russischen Seele" wird, als seine Redaktionsräume von den Mitarbeitern umgewandelt werden in eine menschenfreundliche Wohnung - ohne dass der geschäftliche Erfolg des Unternehmens leidet.

Anschließend las der Autor Kapitel 14 der "Simplen Storys": Das Ehepaar Barbara und Frank, anlässlich eines abendlichen Lokalbesuchs von gewaltbereiten Jugendlichen in die Flucht geschlagen, versucht seine durch die unterschiedlichen Auffassungen von Zivilcourage beschädigten Beziehungen zu kitten.

Dem Untertitel der 29 "Storys", "Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz", trägt auch Kapitel 4 Rechnung: Ein Kunsthistoriker und seine Frau versuchen sich mithilfe von Verlegenheitsarbeiten in der Nachwendezeit finanziell und auch in anderer Weise zurechtzufinden.

In der anschließenden Diskussion gab Ingo Schulze Antwort auf eine Vielzahl von Fragen.
Ein "Chamäleon" sei er aufgrund seines Verzichts auf einen Einheitsstil, er folge dem Grundsatz Döblins, dass der Stoff den Stil präge. Ohne die Anregung des Lesens könne er nicht schreiben, wobei er sich ohne Konkurrenzneid über gelungene Arbeiten von Kollegen freue. Trotz der Technik des offenen Schlusses seiner Geschichten und der Subjektivität des Ich-Erzählers glaube er immer alles gesagt zu haben. Lyrik oder Dramen zu schreiben liege ihm nicht, er sei ein "Prosamensch". Bei seinem Auslandsaufenthalt in Russland habe er mehr Eigenes gefunden als in den USA. Er schreibe nicht für eine bestimmte Zielgruppe, sondern habe eher konkrete Personen vor Augen. Als "Autor beider Deutschland" bezeichnet zu werden empfinde er als Anmaßung. Bezüglich des Ost-West-Verhältnisses sei er skeptisch gegenüber Generalisierungen. Kritiken lese er, wenn sie ihm von den Verlagen zugeschickt würden, Kritiker sein möchte er nicht. Die Hauptfigur seines nächsten Romans, ein zum Geschäftsmann mutierender Schriftsteller, sei kein "Anti-Schulze", bewege sich aber am eigenen Leben des Autors entlang.
Zu schreiben begonnen habe er "aus Spaß und Größenwahn" und aufgrund "eines Traums von Freiheit" im Zusammenhang mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns.

Dr. Wolfgang Tasler



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