Epikur
1. Epikurs Leben

Im Jahre 341 vor Christus wurde E. auf Samos geboren, als Sohn des Einwanderers Neokles aus Athen, der 352/1 als Kolonist auf die Insel gekommen war. Er hatte drei Brüder. Nach eigenen Angaben begann er mit 14 das Philosophieren, als er den Platoniker Pamphilos hörte.
327 schickte ihn sein Vater für ein dreijähriges Studium nach Teos, wo er beim Demokriteer Nausiphanes in Atomistik und Demokrits Lustlehre unterrichtet wurde.
Mit 18 wurde er für zwei Jahre zum Militärdienst nach Athen einberufen, wo er als Ephebe diente; einer seiner Mitepheben war Menander, der später ein berühmter Komödiendichter wurde. Während dieser Zeit eroberte Perdikkas Samos, wodurch die Athener fliehen mussten. E.s Eltern ließen sich in Kolophon nieder. Er folgte ihnen später nach und fing dort an, seine eigene Philosophie, die aus Kanonik, Physik und Ethik bestand, zu entwickeln. Über die zehn folgenden Jahre ist wenig bekannt, vermutlich entwickelte er seine Lehre weiter.
Jedenfalls begann er 311/10, seine Philosophie zu unterrichten, indem er eine Schule in Mytilene eröffnete. Von 310 bis 307/6 unterrichtete er in Lampsakos. Er gewann in dieser Zeit treue Freunde, wie Hermarchos in Mytilene, Metrodoros, Idomeneus, Leonteus, Polyaines und Kolotes in Lampsakos. Mit ihnen hielt er später auch durch Besuche und Briefe Kontakt.
307/6 ließ er sich in Athen, mit Akademie und Peripatos das Zentrum der Philosophie, nieder, wo er ein Haus erwarb, an das der berühmte "Garten" (kêpos) grenzte, von dem seine spätere Schule ihren Namen erhielt. Die Mitglieder der Gemeinschaft waren untereinander befreundet und zu gemeinsamem Forschen verpflichtet. Zu Gruppen Gleichgesinnter auf den griechischen Inseln hielt er engen und herzlichen Kontakt durch Besuche und Briefe.
271/0 starb er nach einem langen, schmerzhaften Unterleibsleiden, das er durch einen Brief dokumentierte. Der Brief wurde später von Cicero als Beispiel menschlicher Tapferkeit übersetzt. Die Art, wie er das Leiden ertrug, beeindruckte sogar seine Gegner.
 

2. Was ist Lust?

Es gibt verschiedene Definitionen für Lust: die platonische, die christliche und die hellenistische, die maßgeblich von E. geprägt wurde. Auf sie will ich jetzt eingehen.
E. unterscheidet zwischen Lust als Prozess und Lust als Zustand, zwischen kinematischer und katastematischer Lust. Erstere ist die schrittweise Befreiung von Schmerz, die zweite ein Ruhezustand höherer Art, eine Zufriedenheit, bei der eine Intensivierung unmöglich ist.
Manchmal hat Lust ein Übel zur Folge, so dass man ein kleineres Übel der größeren Lust willen in Kauf nehmen muss.
Nach E. ist Lust ein Leben ohne körperliche Beschwerden oder Beunruhigung durch Furcht oder Begierden, gleich welcher Art. So wird dauerhafter Seelenfrieden garantiert. Lust entsteht also durch strikte Selbstbeschränkung, durch asketisches Leben, durch Genuß der Ungestörtheit. Ihren bis heute schlechten Ruf verdankt E.s Lehre der Polemik Ciceros und dem allgemeinen Irrglauben, Lust bedeute oder erreiche man durch möglichst exzessive Lebensweise oder durch übertriebenes Folgen seiner Lust.
Die Vorstellungen E.s und der Stoiker beeinflussten über Cicero und Seneca auch die römischen Philosophie in der Spätantike.
 

3. Kanonik, Physik und Ethik

a) Kanonik
Unter Kanonik versteht E. die Lehre von den Erkenntnissen der Wahrheit. Sie besagt, dass Wissen nur durch die sinnliche Wahrnehmung erlangt werden kann. Es gibt drei Kriterien der Wahrheit: Sinneswahrnehmung, Allgemein- oder Vorbegriffe, und Empfindungen. Aus E.s atomistischem Weltbild folgt die Kriteriumstauglichkeit der Wahrnehmung. Sinnliche Wahrnehmung entsteht, wenn ein Rezipient einen andauernden Strom feiner Bilder passiv aufnimmt. Weil sie einander nicht widerlegen können, sind alle Wahrnehmungen gleich wertvoll und wahr. Für Irritationen ist nicht die Wahrnehmung, sondern ein falsch folgernder Verstand verantwortlich. Wahrnehmungen werden von positiven oder negativen Empfindungen begleitet, durch die sich der Rezipient sein Urteil bildet. Bei Empfindungen handelt es sich um Wahrheitskriterien. Mittels der "Vorbegriffs" oder der "Vorwegnahme" (prólêpsis) werden die Wahrnehmungen einem Begriff zugeordnet, der durch wiederholte Einwirkung äußerer Bilder entsteht. Anhand der prólêpsis werden Handlungen oder Ereignisse beurteilt. Als "gut" in einem Bereich gilt, was zur prólêpsis dieses Bereiches passt. Auch Worte bilden Vorbegriffe, weil ihnen eine Vorstellung des Begriffs anhaftet.

b) Physik
Physik ist die Naturlehre, die sich mit dem Erforschen ungeklärter Vorgänge befasst und durch deren Klärung den Menschen die Angst vor dem Unbekannten nehmen will. Grundlagen sind das Sein und das Leere, ein großer Raum sowie, dass nichts aus nichts entsteht, nichts zu nichts vergeht und das All sich nicht verändert. Daraus wird die Konstanz des Alls gefolgert, das sich nicht verändern kann, weil es nichts gibt, das einen Wandel herbeiführen kann. Außerdem besteht das All aus zwei Bausteinen: den physisch unteilbaren Körpern und dem "leeren Raum".
Körper existieren in Form von Atomen oder Atomverbindungen. Was es nicht von sich aus gibt, ist dann die Eigenschaft eines Körpers. Atome sind unteilbar und in unendlicher Zahl vorhanden. Die Formen der Atome sind unbegrenzt, die Zahl der Formen dagegen nicht, weil sie sonst zu unendlicher Größe ausgedehnt werden könnten. Theoretisch sind sie unendlich oft teilbar. Ihre Geschwindigkeiten sind unvorstellbar hoch und die Richtungen sind immer parallel. Die dadurch auftretende Frage, wie dann Verbindungen auftreten können, wird durch eine spontane Änderungen der Bewegung beantwortet. Diese Erklärung lässt Raum für Spontaneität und verhindert strengen Determinismus.

c) Ethik
Ziel allen Handelns ist die Eudaimonie, die Glückseligkeit. E. sieht sie als höchtes Gut des Menschen an. An ihr müssen sich alle Handlungen messen lassen. Dass Menschen von Natur aus nach Lust streben, beweist er am Beispiel des Kleinkindes.
Die Ethik analysiert die Begierden mit dem Ergebnis, dass Schmerz und Unlust nur dann auftreten, wenn von Natur aus notwendige Begierden unbefriedigt bleiben. Da die Natur hierfür alles Nötige bereitstellt, muss man ihr dafür danken.
E.s Forderung eines vernünftigen Abwägens der Bedürfnisse und seine Ablehnung des Luxus führen zur Umbildung alter Werte. Vor allem Freundschaft ist mit dem Ziel der Lust verbunden. E. bietet auch praktische Anweisungen für die Lebensführung. Ein Weiser führt ein den Göttern ähnliches Leben unter Menschen. Von Zufall kann er nicht beeinflusst werden, wenn er von der Vernunft geleitet wird und sein Schicksal richtig einschätzen kann.