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In seinem Gorgias erörtert Platon die Frage, wonach der Mensch sein Handeln auszurichten habe, um die eudamonia zu erreichen, einen Zustand, der mit dem deutschen Wort Glück nur unzureichend umschrieben ist. Macht die rücksichtslose Wahrnehmung des Rechts des Stärkeren glücklich - oder die Beachtung ehtischer Grundsätze? In folgendem Essay soll die Thematik angerissen werden.
Warum betreibt der Mensch Ethik?
Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch seine Freiheit. Wenn ein Löwe die Jungen eines anderen tötet, um den Platz freizumachen für die Träger seines eigenen Erbguts, so wird ihm niemand dieses - nach menschlichen Maßstäben natürlich barbarische - Verhalten vorwerfen. Der Löwe ist von seinen Trieben gesteuert (determiniert), er muss so handeln. Beim Menschen liegen die Dinge anders: Er kann sich - sofern er bei vollem Bewusstsein gehandelt hat - nicht auf seine Triebstruktur berufen. Selbst unter größtem Druck, etwa wenn einem Soldaten schwere Repressionen drohen, ist der Mensch für sein Handeln verantwortlich. Selbst wenn sie nur Befehle ausführten, mussten die Mauerschützen den Abzug selbst drücken.
Der Mensch muss sich also für seine Handlungen verantworten. Vor wem? Kann das Gesetz diese Instanz sein? Wohl kaum, denn in diesem Falle wäre das Gute von der Geographie abhängig. Aber wer sonst kann diese Rolle übernehmen? Sokrates spricht in der Apologie vom ?Daimon", Apollon, der ihm den Auftrag für sein Handeln gegeben habe und dem er vor allem anderen verpflichtet sei. Es ist also die Rede von etwas göttlichem, das dem Menschen den Weg zum richtigen, guten Leben weist. Es ist bezeichnend, dass Sokrates nicht anführt, man müsse den Götter allgemein gehorchen. Vielmehr spricht er von seinem Gehorsam gegenüber ?dem Gott". Seine Vorstellung entspricht damit der christlichen Vorstellung des Gewissens: Es ist das ?Einfallstor des göttlichen Willens"(Wünsch).
Was aber ist ?gut" und was nicht? Nach welchen Regeln muss sich ein Leben ausrichten, um ?gut" zu sein?
W A S S O L L I C H T U N ? (eine der großen Fragen Kants) Seit jeher hat diese Frage die Menschen beschäftigt. In der Frühzeit waren es die Religionen mit ihren festen Grundwertsystemen, die diese Richtlinien vorgaben. Moral (Was in einer Gesellschaft üblich ist) und Ethik (Was gut ist) wurden gleichgesetzt. So sind etwa die Helden Homers nur dadurch "Helden", dass sie die Moral ihrer Zeit anerkennen: Grausame Metzeleien dienten dem Guten, erfüllten den Willen der Götter. Der Krieg um Troja wird nicht um die gewaltigen Reichtümer dieser antiken Handelsmetropole geführt, sondern spiegelt den Streit der Götter wieder. Der Schritt zum Selbstverständnis des Menschen als dem handelnden Individuumist noch nicht vollzogen. "Nenne mir , Muse, den Mann..." So beginnt Homer die Odyssee. Mit "Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus" beginnt er die Ilias. beide Male ruft er die Muse an, die die eigentliche Handelnde ist. Der Dichter wird zum Sprachrohr einer außerhalb seines Horizontes liegenden Macht.Dieses Schema wurde erst mehrere Jahrhunderte später aufgebrochen: Die Lyriker traten auf den Plan: In ihren Werken taucht erstmals der Künstler auf als eine selbstständig handelnde und schaffende Person, als ein "I C H".Etwa zeitgleich traten in Milet die ersten ?Philosophen" auf, die ersten, die die Positionen der Religion anzweifelten. Es waren die Naturphilosophen, der bekannteste unter ihnen dürfte wohl Thales sein. Sie ebneten in Westeuropa den Weg zu rationalem Denken. Indem sie die Bindung an die Religion überwanden, machten sie bereits einen Schritt zu auf die ?Emanzipation des Menschen", die Kant über zweitausend Jahre später im Rahmen der Aufklärung forderte. Sie leiteten einen Wandel ein, in dessen Folge Gut und Böse nicht mehr das dem Willen der Gesellschaft unterliegen, sondern von der Erkenntnis des Einzelnen abhängig sind. Der Mensch entdeckt seine Freiheit. Diese Zeit kennzeichnet einen Umbruch ("anthropologische Wende"): Von hier aus kann sich die Demokratie entwickeln, eine Staatsform, die den "Bürger" braucht, der sich für einen von ihm selbst geschaffenen Staat einsetzt.
Eine der wohl beeindruckendsten Ausprägungen dieses neuen Denkens können wir in der Apologie des Sokrates miterleben: Da stellt sich einer, der ganz genau weiß, dass ihm die Todesstrafe droht, vor seine Richter und zeigt nicht etwa Reue, sondern beruft sich auf ?den Gott", darauf was er als gut und richtig erkannt hat. Er bringt Beispiele von Zivilcourage: Zur Zeit der Tyrannenherrschaft in Athen hat er den Gehorsam verweigert, als er eine unrechtmäßige Verhaftung vornehmen sollte. Seine Hinrichtung wurde lediglich durch den Sturz der Tyrannen verhindert. So wie auch damals stellt er sich in der Apologie einer Gesellschaft entgegen, die nicht dulden kann, dass er, seinem Gewissen gehorchend, auf seiner Suche nach der Wahrheit schonungslos die Dummheit der sich für klug haltenden aufzeigt und die Jugend auch noch in dieser Tätigkeit unterrichtet. Er ist der Erste, von dem wir in so eindrucksvoller Weise erfahren, dass er für seine Überzeugungen lieber den Tod in Kauf nahm, als sein Gewissen zu missachten.
"Gorgias" - eine Kritik der Redekunst
Wer waren die Sophisten?
"Sophisten" nannte man die "Lehrer der Weisheit", Wanderlehrer, die umherzogen und die jungen Männer in den verschiedensten Künsten ausbildeten, vor Allem in der Redekunst. Dabei waren sie Praktiker: fähige Lehrer, die die Redekunst in vollendeter Form beherrschten, sich allerdings kaum theoretisch mit ihr befassten. Es ging in erster Linie darum, die eigenen Interessen gegen andere durchzusetzen, unabhängig von der Richtigkeit der Position. Dieses Streben ist bis zum heutigen Tag überall dort zu beobachten, wo nicht ein einzelner, sondern eine ganze Gruppe in Gemeinschaft Entscheidungen trifft. Dies ist in einer Demokratie der Fall: Wer sich in ihr - und noch dazu in einer direkten Demokratie wie Athen - durchsetzen will, der muss die Masse, das ungebildete Volk überreden können, selbst wenn ihm die Materie völlig fremd ist. In Platons Dialog "Gorgias" wird dies so beschrieben: "Der Nichtwissende findet also mehr als der Wissende Glauben unter den Nichtwissenden..."(459b) Das Wort "Glauben" hat hier zentrale Bedeutung: das Gegenüber wird nicht überzeugt, es gelangt nicht zur Erkenntnis der Wahrheit. Vielmehr meint es nur, die Wahrheit zu kennen. Ob es sich wirklich die Wahrheit ist, ist für den Redner uninteressant.Das Recht des Stärkeren hat allein absolute und universale Geltung.
Was kritisiert Platon am Verhalten der Sophisten?
Auf einen solchen Redner lässt Platon Sokrates treffen. Sokrates begreift sich selbst als einen "Geburtshelfer der Wahrheit", er will wissen, erkennen und steht für die Wahrheit ein. Der Ansicht der Sophisten, diejenige Ansicht sei gut, die sich durchsetzt, muss er entschieden widersprechen. Er ist ein "Philosoph", ein Freund der Weisheit um der Weisheit willen. Die Suche nach Erkenntnis ist für ihn nur ohne persönlichen Gewinn denkbar. Philosophie vollzieht sich im Dialog. Daher muss jeder der Beteiligten bereit sein, sich der Wahrheit vollkommen zu unterwerfen. Dabei muss immer auch die Möglichkeit eines Irrtums erwogen werden. Bei der konsequenten Suche nach der Wahrheit darf es nicht sein, dass einer versucht, unter allen Umständen, die eigene Meinung durchzusetzen, wie es Ziel der sophistischen Redekunst war (s. o.).
Mit der Redekunst gaben die Sophisten ihren Schülern ein machtvolles Werkzeug in die Hand, denn Athen war eine direkte Demokratie: Jeder Vollbürger konnte jedes politische Amt ausüben und in eine veratwortungsvolle Position gelangen. Auch die Richter waren Laien. Durch das Los hatten sie weitreichende Entscheidungsmöglichkeiten. Sie entschieden über Leben und Tod ihrer Mitbürger. Dass ein Redner, der seine Kunst im Sinne Gorgias´ beherrscht, diese ungebildete Masse restlos manipulieren konnte, wurde letztlich auch Sokrates zum Verhängnis: Das Volksgericht verurteilte ihn zum Tode. Der daraus folgenden Verantwortung wird allerdings in der Rhetorenausbildung kaum Rechnung getragen. Zwar behauptet Gorgias, auch Fragen der Gerechtigkeit seinen Gegenstand des sophistischen Unterrichts, dennoch muss er gleichzeitig zur Verteidigung seiner Zunft einräumen, der Lehrer habe auf die Verwendung der von ihm weitergegebenen Fertigkeiten keinen Einfluss. Daraus ergiebt siczh ein Widerspruch: Die Redner beanspruchen einerseits auch moralische Kompetenz, andererseits ist die Redekunst aber auch mit gewaltigen Möglichkeiten zur Manipulation verbunden.
Werfen wir doch einen Blick auf die momentane Situation der Politik: welche politiker werden eher gewählt und können sich durchsetzen? Es sind die, die sich verkaufen können. Schröder, Möllemann und seinerzeit auch Helmut Kohl bieten Lösungen für alle möglichen Probleme. Natürlich können sie sich nicht überall auskennen - trotzdem ist es doch bedenklich, wie diese Menschen die Massen in der Hand haben. Viele Diktaturen leben von diesem Effekt: Die großen Führer beherrschen die Propaganda perfekt - heute wie schon in frühen Staatsformen.
Ein Leben nach dem Lustprinzip?
Wie aber steht es mit der Ethik der Sophisten? Ist der Grundsatz, alles Handeln müsse dem eigenen Vorteil dienen, mit der sokratischen Ethik zu vereinbaren? Hierzu lässt Platon Sokrates mit Kallikles in Dialog treten. Kallikles meint, das Gute und die Lust seien identisch. Daher sei ein gutes Leben ausgerichtet am größtmöglichen Lustgewinn: Wohlleben, Zügellosigkeit und Freiheit, wenn sie nur einen festen Rückhalt haben, sind eben Tugend und Glücksseligkeit; alles andere aber ist Geschwätz und gänzlich wertlos. Wie ein Löwe, so Kallikles, besitze der Stärkere das von Natur gegebene Recht, sich das zu nehmen, was er wolle, ohne Rücksicht auf den Schwächeren oder Gesetze. Begierden solle man möglichst groß werden lassen und ihnen Befriedigung schaffen. Damit ist der Lebensweise des Sokrates eine deutliche Absage erteilt. Die philosophische Lebensweise seines Kontrahenten klassifiziert er schonungslos ab: Philosophie ist etwas Reizvolles, wenn man sich in der Jugend maßvoll mit ihr befasst, betreibt man sie aber länger, als es sich gehört, so ist sie den Menschen zum Verderb. Philosophie als bloßes Bildungsgut also, Schulwissen für Jünglinge: Wenn ich aber sehe, dass ein Älterer noch philosophiert und sich nicht davon losreißen kann, ein solcher Mann, Sokrates, verdient nach meiner Ansicht Schläge. Schläge für Sokrates also, den alten Philosophen.
Der Konflikt der beiden Gesprächspartner ist nicht beizulegen. Auch wenn Sokrates Kallikles auf logischem Wege widerlegt, kann er ihn doch nicht überzeugen - der Dialog endet ohne eine Einigung.
Mit den beiden Standpunkten sind zwei extreme Lebensweisen umrissen: Auf der einen Seite der bios theoretikos, das Leben, das auf der Suche nach der Wahrheit ist und sich strikt an ethischen Grundsätzen ausrichtet.
Auf der anderen Seite der bios praktikos, das Leben, das auf materiellen Erfolg und Lustgewinn aus ist, das ohne Rücksicht auf ethische Maßstäbe das Recht des Stärkeren propagiert.
Wie wir gesehen haben, endet der platonische Dialog ergebnislos - und wie sieht es heute mit dem Stand dieser Diskussion aus?
Die Thematik ist immer noch aktuell: Wir leben in einer Gesellschaft, in der allein der persönliche Erfolg zu zählen scheint. Die Buchläden sind überfüllt mit Titeln wie "Aktiviere deine Kraft", "Aktien für Einsteiger", "Alles ist erreichbar; Erfolg kann man lernen", "Argumentiere und gewinne", "Börsen-Gurus und ihre Strategien"... Sekten wie Scientologie ziehen magnetisch neue Anhänger an mit Werbesprüchen, die Hilfe bei der Steigerung von Effizienz und Produktivität am Arbeitsplatz versprechen. Wer dem Ideal vom erfolgreichen, starken Menschen nicht entspricht, ist abgestempelt als Versager, hat keinen Platz in der Gesellschaft. Diese Erfolgssucht fragt nicht nach ihren Opfern. Der Egoismus des Kallikles wird voll ausgelebt. Shareholder-Value und Gewinnmaximierung bestimmen die Wirtschaft, in der Politik geht es nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um den Machterhalt.
Auch die Stellung der Philosophie hat sich kaum verändert. Zwar ist es Mode, jedes auch noch so blödsinnige Lebensmotto als "Philosophie" zu bezeichnen, die großen Fragen der Menschheit scheinen kaum jemanden zu interessieren. Im Religionsunterricht wird es nicht für nötig befunden, dem Sinn dieses Faches als Orientierungspunkt zu entsprechen und Möglichkeiten zur Diskussion über die grundlegenden Prinzipien menschlichen Handelns zu ermöglichen. Wie schon bei den Sophisten zählt in den Schulen die "Wissensvermittlung". Wie diese Fähigkeiten später angewandt werden, was die Ziele sind, denen sich die neue Führungselite verpflichtet fühlt, ist nicht Unterrichtsgegenstand. Die Frage nach den Werten, an denen es sich zu orientieren lohnt, bleibt unbeantwortet. Dennoch sind gerade dies zentrale Fragen, will man ein sinnvolles Leben führen.
Trotz allem treten immer wieder auch Menschen wie Sokrates auf, die versuchen, ihren Mitmenschen ins Gewissen zureden und sie zum Nachdenken zu bringen. Kann es Institutionen geben, die solche Aufgaben in unserer Gesellschaft erfüllen. Kann die Schule dieses leisten? Der Frontalunterricht freilich nicht. Hier wäre ein anderer Lehr- und Lernstil gefordert: Die "Hebammenkunst" des Sokrates gab nur Denkanstöße. Am Ende der Dialoge steht fast immer die "Aporie", die Unklarheit über ein richtiges Ergebnis. An diesem punkt bleiben Widersprüche stehen Sokrates gibt keine Lösung vor, er maßt sich nicht an, die Wahrheit zu kennen. Diese Situation regt alle Beteiligten zum Nachdenken an. Damit ist für Sokrates das Ziel erreicht, er hat sein Gegenüber dazu gebracht, die eigene Position zu hinterfragen.
Volker Wirth |
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