Griechische Lyriker - unzensiert
Es ist eine aus der Entwicklungspsychologie bekannte Tatsache, dass ein Kleinkind erst ab einem gewissen Alter seine Individualität entdeckt. Vorher ist es auf seine Bezugspersonen fixiert, das Wort "Ich" kennt es nicht. Erst wenn das Kind beginnt, sich in seiner Umgebung als Individuum wahrzunehmen, differenziert sich auch seine Sprache, und es spricht zum ersten Mal das Wort "Ich" aus, beginnt, seine individuellen Wünsche und Bedürfnisse zu artikulieren.
Mit dieser Ontogenese, der Entwicklung des einzelnen Individuums, lässt sich die Phylogenese parallelisieren, die Phylogenese des menschlichen Bewusstseins, wie es sich in der Literatur ausdrückt. Verfolgen können wir diesen Prozess bei den Griechen: Ihre ichlose Kleinkind-Phase ist mit den homerischen Epen anzusetzen. Hier zeigt der Dichter noch keine selbstbewusste Individualität. Im Gegenteil: Er sieht sich lediglich als ein Sprachrohr der Muse, die durch ihn als Medium ihren Gesang mitteilt: Singe mir, Muse, den Zorn des Achill ... so beginnt die Ilias, das älteste literarische Zeugnis Europas. Zu Beginn der Odyssee heißt es: "Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten..." Also nicht: Ich singe euch vom Mann, dem vielgewandten.
Wann also beginnt bei den Griechen das literarische Selbstbewusstsein zu erwachen?

Vor dem Erwachen vertraten und bestätigten die Dichter die bestehende Ordnung und das gültige Weltbild. Besonders ausgeprägt war diese Haltung bei den Spartanern und ihren rigorosen Wertvorstellungen, die auch vom Lakedaimonier Tyrtaios vertreten wird:

"Unter den Vorkämpfern auf dem Schlachtfeld zu fallen, bedeutet
Ruhm dem wackeren Mann, der für sein Vaterland ficht. [...]"

Hier wird das Individuum dem Ziel des Bestands der Gemeinschaft untergeordnet, ruhmvoll und schön ist der Tod für das Vaterland. Die bedingungslose Akzeptanz dieses Axioms, das kurz und prägnant in dem Sinnspruch "Komm aus der Schlacht mit deinem Schild wieder oder auf diesem!" zum Ausdruck kommt, wird auch in anderen Gedichten deutlich:

"Eseln vergleichbar, gebeugt unter der drückenden Last,
müssen sie ihren Gebietern, schmählich gezwungen, die Hälfte
geben von allem Ertrag, der aus dem Acker erwächst[...]"
(Das Los der Besiegten, Tyrtaios)

Aber plötzlich steht einer auf und tanzt aus der Reihe. Archilochos. Er vertritt energisch die Meinung, dass man sich selbst, sich als Individuum, vor die Interessen des Staates stellen solle.
Mit seinem oft ironisierenden und gesellschaftskritischen Sprüchen nimmt er die zu seiner Zeit vorherrschende und bewusst anti-individualistische Haltung mancher Dichter aufs Korn. Berühmt ist seine Parodie auf die Haltung der Spartaner, der Schild, auf oder mit dem der brave Spartaner aus dem Kampf zurückkomen soll, ist ihm schnurz:

"Irgendein Saier brüstet sich jetzt mit dem prächtigen Schilde,
den ich im Dickicht verlor - wahrlich, das wollte ich nicht!
Aber ich selber entkam! Was soll mich der Schutzschild noch kümmern?
Fort! Ich schaffe mir bald einen nicht schlechteren an."

In der homerischen Welt bildeten innere und äußere Qualitäten eine untrennbare Einheit: Wer einen guten Charakter besaß, mutig und tapfer war, der hatte auch ein Schönling zu sein, ein Muskelpaket von hohem Wuchs. Und umgekehrt: Der häßlichste unter den griechischen Kämpfern vor Troja ist auch charakterlich eine kleine Nummer, Thersites:

"Nur Thersites, der maßlos redende, schimpfte noch weiter.
Dieser wußte viele und ungebührliche Worte,
Um mit den Königen grob und ungebührlich zu hadern,
Wenn es ihm schien, es wäre zum Lachen für die Argeier;
Als der häßlichste Mann war er nach Troja gekommen:
Krumm die Beine, auf einem Fuß hinkend, die Schultern, die beiden,
Bucklig, zur Brust hin zusammengebogen; aber darüber
Lief ihm der Kopf spitz zu, drauf sproßte spärliche Wolle."

Wer so hässlich ist und über die Könige lästerlich schimpft, verdient auch nichts besseres als Schläge. Die bekommt er dann auch: Odysseus zieht ihm nach angemessener Beschimpfung eins mit dem Zepter über:

Sprach's und schlug mit dem Zepter ihm über Rücken und Schultern;
Der aber krümmte sich da; es entflossen ihm quellende Tränen.
Und aus dem Rücken erhob sich sogleich eine blutige Strieme
Unter dem goldenen Zepter. Der setzte sich nieder und bebte,
Leidend, verstörten Blickes wischte er ab seine Tränen.

Die letale Ohrfeige wird er wenig später von Achill fangen. So ist's recht. Aber nicht nach Meinung des Archilochos. Auch hier tanzt er wieder aus der Reihe. Er sagt in einem Gedicht, er respektiere auch einen Feldherrn, der optisch nichts hermache:

"Einen Feldherrn, der, von hohem Wuchs, spreizbeinig vorwärts stapft,
sich mit Locken brüstet und den Schnurrbart abschert, mag ich nicht.
Sei er bloß ein Zwerg und trage krumme Beine er zur Schau:
Wenn er sicher nur auf seinen Füßen steht und Mut bewährt!"

Archilochos lässt sich auch nicht ohne weiteres erniedrigen, nicht einmal von einem Mächtigeren. Aufgrund seines Selbstbewusstseins glaubt er, sich Spüche wie diesen erlauben zu können:

"Einen Grundsatz kenne ich:
Schläge, die mich trafen, heimzuzahlen mit geballter Wucht!"

Außerdem plädiert er dafür, den wahren Wert der Besitztümer einer Person zu prüfen, weil nicht alles, was einer besitzt, nützlich ist. Dieser Spruch zielt vor allem auf die Luxusversessenheit der Reichen ab:

"Viel weiß der Fuchs, nur eines, Wichtiges, der Igel."

Das soll bedeuten, dass der Fuchs zwar schneller laufen kann, weniger Fressfeinde hat, meinetwegen auch ein glänzenderes Fell, aber der Igel hat etwas, was all seine Nachteile aufwiegt: er kann sich vor seinen Freßfeinden schützen, indem er sich zu einer Kugel zusammenrollt und die Angreifer das Maul voller Stacheln kriegen. Diesen Vorteil hat der Fuchs nicht, der seinen Angreifern nur durch Weglaufen entkommen kann.

Aber nicht nur Archilochos hielt sich nicht an die gesellschaftlichen Spielregeln. Ein weiterer Vertreter der vorchristlichen 68er war Hipponax. Anders als sein Revoluzzerkollege lehnte er sich auch gegen die scheinbare Allmacht der Götter auf. Auch rechnete er über das Medium Gedicht mit seinen Intimfeinden ab. Aber erst noch ein paar Stellen aus einem Gedicht, die seine wurstige Haltung gegen die Götter zeigen:

"Ach Hermes, lieber Hermes, Maias Sohn, Herrscher
Kyllenes, bitte sehr -

Das waren die ersten zwei Zeilen. Klingt wie ein Gebet der konventionellen Art, oder?
so geht's weiter:

ich friere doch furchtbar!"
"gib dem Hipponax Rock und Mantel auch, schenke
Sandalen ihm und pelzgefütterte Stiefel,
sechzig Statere Gold noch obendrein...
Gib dem Hipponax einen Mantel; denn frierend
erzittre ich und klappre."

Klingt das noch wie eine normale Bitte an einen Gott, schön brav und dankbar für alles, was der gnädige Herr im Olymp dem wertlosen Menschen zukommen lässt?
Eher doch wohl wie triefende Ironie. Na ja, hoffentlich hatte Hermes Verständnis für solcherlei Scherze.

Außerdem nutzte Hipponax seine Gedichte für persönliche Streitereien und Abrechnungen mit seinem Feind Bupalos, was man vorher auch nicht getan hatte. Er überschüttet Bupalos mit Beschimpfungen der übelsten Art. Wenn heute jemand so beleidigt werden sollte, wird dieser wohl kaum nur mit den Ohren wackeln. Aber hören wir uns mal die antiken Fachausdrücke an:

"[...]ihn wütend treffen und mit Feigenbaumruten
und Zwiebeln ihn, wie einen Sündenbock, peitschen...
Man muß ihn unbedingt zum Sündenbock machen.
[...]Der Hunger dörre ihn, und auf sein Glied treffe
ihn siebenmal der Hieb, zum Sündenbockopfer!
---verflucht so den Schurken Bupalos kräftig.
Meine Kleider nehmt, aufs Auge will ich Bupalos hauen!
Denn Zweihänder bin ich, und von meinen Hieben sitzt jeder."

Ganz schön schlimm-schön, oder?
Geschmack gefunden? Es gab also nicht nur "edle und gute" Griechen. Auch die bösen sind sympathisch. Die versteht man wenigstens!
Wir machen munter weiter, denn das dicke Ende kommt erst noch. Was jetzt kommt, ist für Leser unter 16 Jahren nicht geeignet und wird der BPjS und der schulinternen Zensurstelle hoffentlich nicht vorgelegt (Anmerkung der Autoren: Der Text lautet wirklich so!):

"Du schliefst mit Bupalos, dem dreisten Kerl, warum?
Zum Leuchter bückte sich Arete mir nieder ---
--- die Nase sie, und schnob den Rotz heraus kräftig---"

Man beachte die Doppeldeutigkeit des Wortes Leuchter!
Aber es kommt noch besser (konservativ erzogene Personen hören besser weg!):

"Sie sprach nach Lyderart: 'Los, komme her, schneller,
mit deinem Riegel stopfe ich den Arsch, ärschlings!'
Und mit der Feigenrute peitschte sie heftig
auf meinen Hoden los - das sollte mich heilen! -
ununterbrochen und mit Ungestüm, kraftvoll.
So wurde grausam ich gequält von zwei Martern:
Hier bissen mich die Rutenstreiche wie Feuer,
dort fing der Hintern an zu tröpfeln und wollte
den Atem mir mit seinem Scheißgestank rauben---"

Zum Glück ist der Rest verlorengegangen (oder wurde bewusst vernichtet?). Auf eine Interpretation verzichten wir in diesem Fall. Wenden wir uns also von diesem sympathischen Zeitgenossen ab und kommen zu unserem Ausgangspunkt zurück: Einige der griechischen Lyriker mögen uns wirklich wie plärrende Bälger erscheinen, die gerade das Wort "Ich" neu gelernt haben. Aber was wir gezeigt haben, ist nur ein kleiner amüsanter Ausschnitt, der der Ernsthaftigkeit und Tiefe, mit der diese Dichter die Welt in Augenschein nehmen, Unrecht tut. Fest steht jedoch: Auf dem Wege der Herausbildung des freien und selbstbewussten menschlichen Bewusstseins stellen sie einen wichtigen Streckenabschnitt dar.

Max Palitza & Rudolf Otte