Am Ende der Odyssee bleibt Odysseus in Ithaka. Oder doch nicht?


Warum wollte Odysseus nach Hause?

Odysseus kämpfte zehn Jahre vor Troja, ersann die List mit dem hölzernen Pferd und segelte weitere zehn Jahre in den Weltmeeren umher, getrieben von dem großen Ziel, seine Heimat wiederzusehen. Warum eigentlich? Er hätte nach gewonnener Schlacht sich mit seinen Schätzen in Troja niederlassen können, hätte sich einen schöne Bleibe auf seinen Fahrten suchen können. Oder er hätte sein Leben lang herumreisen können, neue Länder erkunden, Menschen erforschen, Abenteuer aufspüren und Erkenntnisse gewinnen. Zu seinem wissenwollenden, neugierigen Geist, der immer die Hintergründe herausfinden wollte und der sich mutig in Unbekanntes wagte, hätte das gut gepasst. Aber er tat nichts von alledem: Er sehnte sich nach seiner Heimat! Der Vielleidende nahm geduldig schwere Mühen auf sich, um Ithaka zu erreichen. Gibt es vielleicht einen Teil im Menschen, der nach einem sicheren, geborgenen Zuhause verlangt? Braucht vielleicht der Mensch ein Daheim, wohin er zurück muss? Egal, ob dieses Daheim der Ort ist, wo man geboren ist, oder eine andere feste Bleibe, eine Wahlheimat - sehnt man sich zwangsläufig danach? Bestimmt wird diese Erfahrung von so manchem gemacht. Dieses Daheim kann ja besonders auch eine geistige Heimat sein, die kulturelle Grundlage des Denkens und Lebens. Darin muss der Mensch geborgen sein, um nicht entwurzelt zu werden und danach wird er immer verlangen. Mit Ilias und Odyssee haben wir eine solche Grundlage, die geistige Heimat des Abendlandes und, wenn wir darauf zurückgreifen, auch für jeden von uns persönlich.


Die Irrfahrten - und dann ?

Stellen wir uns einmal folgendes vor: Ein Mann, intelligent, mit einer gewissen erotischen Ausstrahlung ( zumindest was Nymphen betrfifft!) und noch nicht soooo alt und verkalkt, dass er sich vorstellen kann, in Rente zu gehen ...
Das ist Odysseus nach seiner Rückkehr auf seine Insel Ithaka, zu seiner Frau Penelope und zu seinem Sohn Telemach. Nachdem er nun endlich seine Irrfahrten überstanden hat, könnte man ja meinen, nun könne er endlich einmal Ruhe geben, sich etwas besinnen und sich so verhalten, wie es sich für einen Mann gebührt, der die Blüte seines Lebens damit verbracht hat, gegen einäugige Monster, böse Wassergötter und hinterhltige Sängerinnen zu kämpfen.
Aber ehrlich : Können wir uns Odysseus, den Kriegshelden, den Listenreichen, den Vielgewandten als Schnarchsack mit Zipfelmütze vorstellen ? Den Mann, der eine ganze Stadt reinlegte, als Pantoffelhelden, als einen Mann, der nach Jahren in einer Liebeshöhle mit einer wunderschönen Nymphe brav neben seiner (eher ziemlich gewöhnlichen) Ehefrau im ehelichen Bette nächtigt ?
Und es ist wirklich eine interessante Frage, auf die die Odyssee ja leider keine Antwort mehr gibt !
Was kommt nach den Irrfahrten ? Was wird aus dem griechischen Helden , der so viel vollbracht hat ? Über genau dieses Thema hat ,neben vielen anderen Leuten ( z.B. auch neben Dante ), ein Mann mit dem Namen Alfred Lord Tennyson nachgedacht. Er wurde 1809 als viertes von 12 Kindern in Somersby geboren, er starb 1892. Sein Gedicht "Ulysses" beschäftigt sich nun genau mit der Frage: Was kommt danach ? Da sich der Rest dieses kleinen Artikels hier auf eben dieses Gedicht beziehen wird, ist es vielleicht gut, wenn ihr das Gedicht erst einmal lest :

It little profits that an idle king,
By this still hearth, among these barren crags,
Matched with an aged wife, I mete and dole
Unequal laws unto a savage race,
That hoard, and sleep, and feed, and know not me.

I cannot rest from travel; I will drink
Life to the lees. All times I have enjoyed
Greatly, have suffered greatly, both with those
That loved me, and alone; on shore, and when

10 Through scudding drifts the rainy Hyades
Vext the dim sea, I am becoming a name
For always roaming with a hungry heart;
Much have I seen and known, - cities of men
And manners, climates, councils, governments,
Myself not least, but honored of them all;
And drunk delight of battle with my peers,
Far on the ringing plains of windy Troy.
I am a part of all that I have met;
Yet all experience is an arch wherethrough

20 Gleams that untravelled world whose margin fades
For ever and for ever when I move.
How dull it is to pause, to make an end,
To rust unburnished, not to shine in use!
As though to breath were life! Life piled on life
Were all too little, and of one to me
Little remains; but every hour is saved
From that eternal silence, something more,
A bringer of new things; and vile it were
For some three suns to store and hoard myself,

30 And this grey spirit yearning in desire
To follow knowledge like a sinking star,
Beyond the utmost bound of human thought.
This is my son, mine own Telemachus,
To whom I leave the sceptor and the isle -
Well-loved of me, discerning to fulfil
This labour, by slow prudence to make mild
A rugged people, and through soft degrees
Subdue them to the useful and the good.
Most blameless is he, centered in the sphere

40 Of common duties, decent not to fail
In offices of tenderness, and pay
Meet adoration to my household gods,
When I am gone. He works his work, I mine.
There lies the port; the vessel puffs her sail:
There gloom the dark, broad seas. My mariners,
Souls that have toiled, and wrought, and thought with me-
That ever with a frolic welcome took
The thunder and the sunshine, and opposed
Free hearts, free foreheads - you and I are old;

50 Old age hath yet his honor and his toil.
Death closes all; but something ere the end,
Some work of noble note, may yet be done,
Not unbecoming men that strove with Gods.
The lights begin to twinkle from the rocks:
The long day wanes; the slow moon climbs; the deep
Moans round with many voices. Come, my friends,
'T is not too late to seek a newer world.
Push off, and sitting well in order smite
The surrounding furrows; for my purpose holds

60 To sail beyond the sunset, and the baths
Of all the western stars, until I die.
It may be that the gulfs will wash us down;
It may be that we shall touch the Happy Isles,
And see the great Achilles, whom we knew.
Though much is taken, much abides; and though
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven; that which we are, we are:
One equal temper of heroic hearts,

69 Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

In einem Buch namens "Lange Irrfahrt - große Heimkehr" wird auf vielen Seiten versucht, eine treffende Interpretation des Gedichtes zu vermitteln. So, wie es hoffentlich verständlicher klingen mag, zusammengefaßt, steht es nun hier.
Die eigentliche Grundaussage des Gedichtes besagt, das Odysseus es nach all den Jahren seiner Irrfahrten nicht mehr nur als ein "Freizeitler" zu Hause aushalten kann. In Abschnitte eingeteilt, sagt jeder Teil des Gedichtes etwas anderes, neues aus.
Im ersten Abschnitt ( Vers 1-5 ) soll die Resignation des Odysseus über Ithaka und die dort herrschende, frustrierende Routine zum Ausdruck kommen.
Der zweite Abschnitt ( Vers 6 - 32 ) besteht aus einem Rückblick des Helden, von Stolz und Wehmut begleitet.Er erinnert sich an die Belagerungszeit vor Troia und an die jahrelangen Irrfahrten. Er hatte die Welt gesehen und sich einen Namen gemacht.Dies hat ihn geprägt, er will noch mehr sehen, noch mehr erfahren.
Der dritte Abschnitt ( Vers 33 - 43 ) ist eine Lobrede über seinen Sohn Telemach, durch dessen Fähigkeiten es ihm, dem Vater ermöglicht wird, sein Herrscheramt abzugeben und Ithaka verlassen zu können.
Der vierte Abschnitt schließlich ( Vers 44 - 70 ) beginnt mit der Aufforderung des Odysseus an die alten Seemänner im Hafen von Ithaka, sich ihm nun zur letzten Fahrt anzuschließen, er macht schließlich allen nochmals Mut.

Odysseus geht also, nachdem er seine Angelegenheiten noch ein letztes Mal heroisch ( für ihn ja typisch ) geregelt hat, einem ungewissen, sicherlich aber heldenhaften Ende entgegen. Und, mal ehrlich, es ist doch bestimmt befriedigender, den berühmten Odysseus ein letztes Mal in See stechen zu sehen, als sich vorzustellen, er könne irgendwann einmal als Greis im Bett sterben oder ein anderes, uninterresantes ( und für ihn auch unpassendes ) Ende nehmen. Manche Helden brauchen eben ungewisse Abgänge. Sonst ginge ein ganzer Teil des Zaubers der sie umgibt, einfach nur dadurch zu Grunde, das das Ende nicht stimmt.

Und das wäre doch wirklich schade.


Myriam Kohlsdorf
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