Sokrates
Ein Abend im Jahre 399 vor Christus im Staatsgefängnis von Athen. Hier wird ein Mann, der während seines Prozesses seine Verurteilung fast gefordert hat, gleich den tödlichen Schierlingsbecher trinken. Es handelt sich um Sokrates, den berühmt-berüchtigsten athenischen Philosophen seiner Zeit. Aber warum wurde er verurteilt?
Sokrates wurde 470 vor Christus in einem Dorf außerhalb Athens geboren. Sein Vater war Steinmetz, seine Mutter Hebamme. Angeblich lernte er das Handwerk seines Vaters. Er studierte Mathematik, Astronomie und die Lehren der frühen Philosophen. Aber anders als diese vertrat er  die Ansicht, dass Nachdenken über den Ursprung der Welt nichts nütze. Statt dessen war sein Motto "Gnothi seauton" (Erkenne dich selbst), also das Nachdenken über uns selbst.
Seine Philosphie betrieb er auf der Agora, dem Marktplatz von Athen. Die Atmosphäre dort glich der eines orientalischen Basars. Trotzdem schaffte er es, inmitten dieses Lärms Zuhörer zu finden. Er suchte nach dem Weisen. Im Alter von 30 Jahren bezeichnete das Orakel von Delphi ihn als den Weisesten. Das glaubte er nicht. Obwohl er ein selbständiges Denken und ein Hinterfragen der Gottesvorstellungen befürwortete, glaubte er an Apollo, den Gott der Weisheit. Der Spruch des Orakels verursachte Aufregung in Athen, weil er sich mit seiner Fragerei viele Feinde gemacht hatte, aber auch ein paar Jünglinge als Anhänger hatte.
Er ging folgendermaßen vor: er suchte sich einen Gesprächspartner, den er für weise hielt, und der sich in irgendeinem Fach auszukennen glaubte. Dann gab er sich vor diesem als unwissend aus und bat um eine Erklärung der Materie. Die Erklärungen unterbrach er dann immer wieder mit scharfsinnigen und berechtigten Einwänden. Daher bekam er den Namen "Bremse von Athen". Aber seine Fragetechnik war eigentlich viel subtiler. Er versuchte, die Grundbegriffe des Themas zu definieren, so dass Ungereimtheiten in der Anschauung seines Gegners aufgedeckt und die Konsequenzen ersichtlich wurden. Seinen Blick für menschliche Schwächen nutze er oftmals, um seinen Gegner der Lächerlichkeit preiszugeben. Seine Gerissenheit und seine bohrenden Fragen brachten seine Gegner oft zur Weißglut.
Obwohl Sokrates viele Dialoge führte, hat er selbst nichts aufgeschrieben. Er wisse zum Aufschreiben nicht genug, sagte er. Außerdem erledigte das sein Schüler Platon. Dieser schrieb auch die berühmte Apologie, die Verteidigungsrede des Sokrates vor dem Gericht. Beispielhaft für seine Arbeit ist die Stelle, wo Sokrates erzählt, er habe den Weisesten gesucht, weil er dem Spruch des Orakels nicht glaubte.
Er fing bei den Politikern an, indem er an einen herantrat und mit ihm sprach. Er fand heraus, dass dieser sich selbst und vielen anderen Leuten zwar sehr weise vorkam, es aber in Wirklichkeit nicht war. Daraufhin versuchte er, es ihm klarzumachen. Dadurch machte er sich aber bei dem Politiker und bei vielen Zuschauern unbeliebt. Beim Weggehen dachte er sich, dass er schon mal weiser als der ist, weil sie beide nichts wussten, aber Sokrates wusste, dass er nichts wusste.
Dann suchte er einen Dichter auf, weil diese immer von so schönen Sachen sprachen. Sein Dialog mit einem der Dichter brachte aber ans Licht, dass dieser zwar von vielen schönen Sachen singen und dichten konnte, aber auch nicht wusste, wovon er sprach. Also hielt Sokrates sich auch diesem gegenüber für geistig überlegen.
Als letzte Gruppe dachte er an die Handwerker, denn diese verfertigen schöne und nützliche Dinge mit ihren Händen. Das Ergebnis des Dialoges mit einem von diesen war, dass die Handwerker zwar auf ihrem Gebiet weise waren, aber ihre Weisheit überschätzten und sich den anderen für überlegen hielten. Und nach Sokrates' Meinung wog diese Überheblichkeit das vorhandene Fachwissen auf.
Das Ergebnis seiner Umfrage überraschte Sokrates: Er war tatsächlich der Weiseste, obwohl er es nicht erwartet hatte.
Im Alter von 50 Jahren heiratete Sokrates Xanthippe, die in der Geschichtsschreibung als ein zänkisches Weib bezeichnet wird Dass das Leben mit Sokrates nicht einfach gewesen sein kann, wird dabei meistens übersehen. Er brachte keinen Pfennig Geld nach Hause, kam und ging zu unregelmäßigen Zeiten und trank mit seinen Freunden. Sie sei die einzige gewesen, die Sokrates je in einem Wortgefecht geschlagen habe, heißt es. Aber sie seien sich trotzdem sehr nahe gestanden, immerhin hatten sie drei Söhne, die alle einen normalen Beruf ergriffen. Obwohl Xanthippe viel an ihm herummeckerte, wusste sie, dass sie mit einem ungewöhnlichem Menschen verheiratet war. Sie stand ihm treu zur Seite und war untröstlich, als er zum Tode verurteilt wurde.
Mit 70 Jahren wurde er dann angeklagt, die Jugend zu verderben und die Götter des Staates zu verachten. Die Ankläger waren Anytos, ein einflußreicher Demokrat und Drahtzieher der Anklage, Meletos, ein erfolgreicher Tragödiendichter und Strohmann des Anytos, und Lykon. Die Anklagen waren sowieso nur ein Vorwand, um ihn loszuwerden. Auf die "Vegehen" stand die Todesstrafe. Aber die Todesstrafe für einen 70 Jahre alten Mann? Hier ein kurzes Beispiel, wie er seine Ankläger widerlegte:
Das Verderben der Jugend verglich er mit der Erziehung von Pferden: Die Pferde besser mache nur einer, alle anderen machen sie schlechter. Mit der Jugend verhalte es sich folgendermaßen: Alle bis auf Sokrates machten sie besser. Dadurch ließ er Meletos lächerlich erscheinen.
Obwohl er seine Ankläger in allen Punkten widerlegen konnte, wurde er letztendlich doch zum Tode verurteilt. Nachdem er den 500 zufällig ausgewählten Richtern seine Verteidigungsrede gehalten hatte, hatte er einige auf seiner Seite, aber noch mehr gegen sich aufgebracht. Er wurde mit 280 zu 220 schuldig gesprochen.
Dann durfte Sokrates ein Plädoyer über das Strafmaß halten. Da er den Prozess nicht ernst nahm, beantragte er durch Speisung im Prytaneion geehrt zu werden. Vom darauf folgenden Aufruhr beeinflusst, beantragte er die mit seinem Vermögen vereinbare Geldstrafe von einer Mine (entspricht einem Krug Wein). Von seinen Freunden angefleht entschließt er sich für die Strafe von 30 Minen. Er wird zum Tode verurteilt. Er hätte auch Exil fordern können. Dann hätte er überlebt und wäre von seinen Freunden unterstützt worden. Aber wählte er den Märtyrertod?
Im Gefängnis wurde er von Kriton besucht, der im sagte, er könne fliehen, weil die Wachen bestochen worden seien. Er wollte nicht fliehen, weil er an die Herrschaft des Gesetzes glaubte, obwohl es sich in diesem Fall irrte. Später wurde den Athenern ihre Tat bewusst, Meletos wurde zum Tode verurteilt und Anytos verbannt.
Zurück zur Hauptseite