|
|
Sokrates beim Symposion
Ein heißer Nachmittag in Athen. Es ist das Jahr 386 v. Chr. Sokrates liegt im Hof seines Hauses unter dem Nussbaum und geht seinen üblichen Gedanken nach: Was wohl meint der Gott, wenn er sagt, dass ich der Weiseste sei unter den Menschen, wo ich mir doch bewusst bin, ganz und gar nichts Nützliches zu wissen? Usw. usf. ad nauseam. Er kommt zu keinem Ergebnis, wie immer, nickt ein und beginnt davon zu träumen, wie er im Hades Aiakos und Triptolemos beim Einstellungsgespräch in die Unterwelt zur Weißglut bringt. Da lässt sich eine Bremse in seinem Nacken nieder und beißt erbarmungslos zu. Sokrates schreckt auf, und der Schreck bewirkt, dass er nicht sofort nach dem Aufwachen schon wieder nur an Weisheit und Bestheit denkt, sondern an das Gastmahl, zu dem er heute abend geladen ist. Beim Hund! Er hat doch heute gar keine Lust, zu diesem Chrysippides zu gehen! Ein unangenehmer Neureicher, der sein Geld mit Waffenproduktion verdient, nichts mit Philosophie am Hut hat und sich mit der Anwesenheit des prominenten Talkmasters nur schmücken will. Aber: die ganze Woche lang hat Xanthippe nichts anderes auf den abgescheuerten Tisch gestellt als hartes Brot und Bohnenbrei. Da muss wieder etwas Anständiges in den Magen! Also doch zu Chrysippides! Er schließt die Augen und lässt die Speisen an sich vorbeiziehen, die auf zum Bersten gefüllten Tischen vor ihm stehen werden:
Als erstes wird Fisch aufgetragen, der absolute Spitzenreiter in der Beliebtheitsskala der Athener. Alles, was den Fischern beim letzten Fischzug an Eßbarem ins Netz gegangen ist und dann beim Fischhändler zu teuer bezahlt worden ist, kommt auf den Tisch. Da erwarten unseren Philosophen nicht nur Thunfisch oder Barsch, sondern auch Aal, Hai oder Garnelen, Muscheln, Hecht, Karpfen oder Groppe oder auch ein exotisch aussehender Papageienfisch, serviert in einer schmackhaften gáros (Soße aus vergorenen, angefaulten Fischen. Mmmh!) aus kleinen oder großen Menolas, Sardellen, Stöckerfisch oder Makrele oder allen zusammen. Verwunderlich, dass ein Gebräu mit diesen Zutaten und einer solchen Zubereitung doch noch so sehr den Gaumen erfreut.
Nach diesem Genuss ziehen ganze Gebirgszüge gut abgehangenen, feinsten Pökelfleisches an ihm vorbei und lächeln ihn an ("Iss mich, iss mich!"). Und dazwischen Wein ohne Ende, sooft man will wird nachgeschenkt. Und zum Hauptgericht gibt es Weizenbrot und Gerstenkekse.
Überhaupt das Hauptgericht: Hier hat sich Chrysippides selbst übertroffen! Als er persönlich den Bauch des Schweins aufschneidet, flattert ein Dutzend weißer Eulen empor, erfüllen das Zimmer wie wirbelnde Schneeflocken und flattern durch eine offene Luke im Dach hinaus. Die Gäste sind baff vor Staunen. Das haben sie nicht erwartet. (Hier hat sich der Autor eine Anleihe vom Römer Petron geholt. Anm. des Säzzers)
Sobald die letzten Pfützen Soße in den Tellern aufgetunkt sind, servieren die Haussklaven den Nachtisch. Lecker, lecker. Heute gibt es nur kleine Portionen Süßigkeiten und mehr Obst, weil die Gäste sonst zu dick werden. Obwohl der Nachtisch daran auch nicht mehr viel ändern wird. Aufgetragen werden Eier, Mandeln, Walnüsse, Äpfel, Zitrusfrüchte... und dann werden die Naschereien serviert. Die Portionen sind wirklich klein. Aber dafür gibt es sie in solchen Mengen, dass jeder Gast sooft er will eine neue Portion bekommen kann.
Als auch dieses Übel vernichtet ist, wird noch kóttabos gespielt. Hierbei geht es darum, den letzten Tropfen Wein so geschickt aus einer Trinkschale herauszuschleudern, dass er auf einen Blechteller trifft und dabei ein Geräusch verursacht. Bingo!
Sokrates läuft das Wasser im Mund zusammen, er reibt schon mal seinen Bauch. Da dröhnt es aus dem Haus: "Sokrates, du Nichtsnutz, meine Speisekammer ist leer!" Ist mir wurscht, denkt er sich, da kommt sowieso nichts Gescheites heraus. Da er der Meinung ist, es sei weiser und besonnener, wieder einzuschlafen als mit Xanthippe einen Dialog zu führen, verabschiedete sich Sokrates ins Reich der Träume.
Chairete, philoi!
Max&Rudolf |
|