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| Der
Athener Thukydides (460-400 v. Chr.), der aus einer altadligen, politisch
konservativen Familie stammte, war "der größte Geschichtsschreiber
der Antike".
Beim Ausbruch des Peloponnesischen Krieges (431) begann er sogleich mit der Abfassung seines Werkes "Geschichte des Peloponnesischen Krieges". In diesem stellt er die Bedeutung der Auseinandersetzung zwischen Athen und Sparta dar. 424 wurde er in das Strategenkollegium gewählt, konnte jedoch den Verlust der Stadt Amphipolis nicht verhindern und wurde in Abwesenheit für zwanzig Jahre verbannt. Dort setzte er die Materialsammlung für die weitere Darstellung fort. Nach Kriegsende (404) kehrte er nach Athen zurück, wo er wahrscheinlich gestorben ist. Sein Werk blieb unvollendet und erschien nach seinem Tode in acht Büchern. Bei den Ereignissen des Jahres 411 bricht es unvermittelt ab. |
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| Die
Ursache der Auseinandersetzungen zwischen Athen und Sparta war die Rivalität
um die Vormachtstellung in Griechenland. Athen besaß die Vorherrschaft
auf See, Sparta war die führende Streitmacht zu Lande. Der Krieg zog
sich mit Unterbrechungen über dreißig Jahre hin und konnte erst
dann zugunsten Spartas entschieden werden, als die Seemacht durch die sizilische
Katastrophe Athens gebrochen worden war.
Thukydides widmete sich intensiv den Vorkommnissen in Kerkyra. Diese korinthische, aber mit Athen verbündete Kolonie stritt sich mit Korinth um die Insel Epidamnos. Zwischen den verschiedenen Anhängern der beiden in Kerkyra vertretenen Parteien, den Oligarchen und Demokraten, kam es zum blutigen Bürgerkrieg. Dies veranlasste Thukydides zum Verfassen seines Werkes. |
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| Thukydides
deutete die Ereignisse der damaligen Zeit nicht durch unwahrscheinliche
Vermutungen, sondern fand durch das, was er auswählte, wie er es schrieb
und darstellte, den Sinn von Geschichte im Geschehen selbst.
So bildete er sich auch seine Meinung über das menschliche Verhalten im Krieg aufgrund der Einzeldarstellung der Wirren in Kerkyra. Er glaubte nämlich, dass die Grundlage für das menschliche Verhalten die Natur des Menschen ist. Sobald die äußeren Umstände der Menschen nicht mehr friedlich, sondern gewalterfüllt sind, ändern sich auch die Grundtugenden ins Gegenteil um: Die schöpferischen Anlagen schlagen ins Zerstörerische um. Die Umwertung der Eigenschaften andreia und sofrosyne führt zu einer Erschütterung des Gemeinschaftslebens. Auf die Frage, warum Thukydides ausgerechnet beim Peloponnesischen Krieg zu dieser Erkenntnis gelangte, lässt sich folgende Antwort finden: Thukydides war vom Verhalten der Menschen so entsetzt, weil Griechen erbittert gegen Griechen kämpften. Thukydides wurde nachgesagt, ein resignierter Pessimist gewesen zu sein, da er für die Zukunft nur eine Wandlung ins Negative für möglich hielt. Bei näherer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass er gerade durch seine distanzierte, objektive und reale Darstellung die Geschehnisse der Zeit wertete. Dadurch stellte er seine Lehre auf in der Hoffnung die Menschen vor den selben Fehlern zu bewahren. Thukydides sagt dazu: "Viel schweres Leid befiel infolge des Bürgerzwists die Städte, wie es sich ergibt und immer sein wird, solange die menschliche Natur die selbe bleibt." Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, ob Thukydides mit dieser Äußerung Recht behalten hat und sein Werk tatsächlich ein ktéma eis aei ist, ein Besitz für die Ewigkeit. Ist die menschliche Natur die gleiche geblieben - oder haben die Menschen aus ihren Fehlern gelernt? Beim Vergleich eines heutigen Krieges mit den Schilderungen von Thukydides im folgenden Text lassen sich Gemeinsamkeiten im grausamen Verhalten der Menschen finden. Somit hat sich Thukydides Theorie weitgehend als richtig erwiesen. |
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| Thukydides
schreibt:
"So ins Unmenschliche steigerte sich dieser Bürgerkrieg und wurde desto stärker empfunden, als er der allererste dieser Art war.(...) Solang noch Friede war, mochte es wohl an Vorwänden fehlen, auch an Gelegenheiten, sie (Athen und Sparta) zu Hilfe zu rufen; (...) So brach in ständigem Aufruhr viel Schweres über die Städte herein, wie es zwar geschieht und immer sein wird, solange Menschenwesen sich gleichbleibt, aber doch schlimmer oder harmloser und in immer wieder anderen Formen, wie es jeweils der Wechsel der Umstände mit sich bringt. Denn im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaften der Menge nach dem Augenblick. So tobten also Parteikämpfe in allen Städten, und die etwa erst später dann kamen, die spornte die Kunde vom bereits Geschehenen erst recht zum Wettlauf im Erfinden immer der neuesten Art ausgeklügelter Anschläge und unerhörter Rachen. Und den bislang gültigen Gebrauch der Namen für die Dinge vertauschten sie nach ihrer Willkür: Unbedachtes Losstürmen galt nun als Tapferkeit und gute Kameradschaft, aber vordenkendes Zögern als aufgeschmückte Feigheit, Sittlichkeit als Deckmantel einer ängstlichen Natur, klug sein bei jedem Ding als Schlaffheit zu jeder Tat; (...) Wer schalt und eiferte, galt immer für glaubwürdig, wer ihm widersprach, für verdächtig. Tückegegen andere, wenn erfolgreich, war ein Zeichen der Klugheit, sie zu durchschauen war erst recht groß, wer sich aber selber vorsah, um nichts damit zu tun zu haben, von dem hieß es, er zersetze den Bund und zittere vor den Gegnern. Kurz, bösem Plan mit bösem Tun zuvorzukommen brachte Lob, auch den noch Arglosen anzustiften. Dann entfremdeten sich die Vrewandten über all den Bünden, die so viel rascher bereit waren, ohne Zaudern zuzuschlagen. (...) Untereinander verbürgte ihnen die Treue weniger das göttliche Recht als gemeinsam begangenes Unrecht. Ein edelmütiger Vorschlag von den Gegnern fand Eingang aus zweckmäßiger Vorsicht, wenn diese überlegen waren, und nicht aus schönem Vertrauen. Sich wiederzurächen am andern war mehr wert, als selber verschont geblieben zu sein. (...) Denn im allgemeinen heißt der Mensch lieber ein Bösewicht, aber gescheit, als ein Dummkopf, wenn auch anständig; des einen schämt er, mit dem anderen brüstet er sich. Die Ursache von allem war die Herrschsucht mit ihrer Habgier und ihrem Ehrgeiz und daraus dann, bei der entbrannten Kampfwut, noch das wilde Ungestüm. Denn die führenden Männer in den Städten, auf beiden Seiten mit einer bestechenden Parole, sie seien Verfechter staatlicher Gleichberechtigung der Menge oder einer gemäßigten Herrschaft der Besten, machten das Gemeingut, dem sie angeblich dienten, zu ihrer Beute, und in ihrem Ringen, mit allen Mitteln einander zu überwältigen, vollbrachten sie ohne Scheu die furchtbarsten Dinge und überboten sich dann noch in der Rache; nicht, dass sie sich dafür eine Grenze gesteckt hätten beim Recht oder beim Staatswohl - da war freie Bahn, soweit jede Partei gerade ihre Laune trieb. Frömmigkeit galt weder hüben noch drüben; man schaffte sich viel mehr einen guten Namen, wenn es gelang, grade durch den Schönklang eines Wortes eine Tat des Hasses zu vollführen. Und die Mittelschicht der Bürger wurde, weil sie nicht mitkämpfte oder aus Neid, dass sie davonkäme, von beiden Seiten aus ausgemordet. So kam es in der hellenischen Welt durch die Bürgerkriege jede Art von Sittenverderbnis auf, und die Einfalt, die mit edler Art so nah verwandt ist, ging unter im Hohn; mit misstrauischer Gesinnung gegeneinander zu stehen wurde das Herrschende. Und die geistig Schwächern vermochten sich meist zu behaupten; denn in ihrer Furcht wegen des eigenen Mangels und der klugheit ihrer Gegner, denen sie sich im Wort nicht gewachsen fühlten, und um nicht unversehens einem verschlagenern Geist in die Falle zu gehen, schritten sie verwegen zur Tat; die aber überlegen meinten, sie würden es schon rechtzeitig merken und hätten nicht nötig, mit gewalt zu holen, was man mit Geist könne, waren viel wehrloser und kamen schneller ums Leben." |
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| Das Faszinierende an Thukydides' Text ist, dass er auch heute noch aktuell ist, obwohl er schon über 2000 Jahre alt ist. Sehr frustrierend für einen jungen Menschen wie uns ist es aber, dass uns nur eine schwache Hoffnung auf eine zukünftige Änderung zum Besseren hin bleibt, weil es die Menschen selbst nach einer so langen Zeit nicht geschafft haben, Kriege zu verhindern. Aber wenn mehr Menschen seinen Text als Grundlage für eine friedlichere Zukunft heranziehen würden, könnte er sein Ziel vielleicht doch noch erreichen. | |||||||||||||||||||||||||||||
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Myrjam Simon & Thomas Lipfert | ||||||||||||||||||||||||||||
| Links:
Athen und USA - ein kritischer Vergleich |
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