Die Vorsokratiker
Die milesischen Naturphilosophen Thales, Anaximenes und Anaximander
Der römische Philosoph Seneca sagt über Thales:

"Die Auffassung des Thales ist albern. Er behauptet nämlich, die Erdscheibe werde vom Wasser gestützt und fahre wie ein Schiff. Wenn die Leute sagen, sie erbebe, schwanke sie infolge einer Bewegung des Wassers."

Gut gebrüllt, Löwe! Thales ist doch tatsächlich albern: Behauptet doch glatt, alles sei aus Wasser entstanden. Und dann Anaximenes! Behauptet, dass durch Verdickung der Luft alle festen Gegenstände entstünden. Hirnriss. Am bestens treibt's Anaximander: Der kann sich gleich für gar nichts entscheiden und sieht den Urstoff (ich kenn bloß Augustiner Urstoff hell) im Apeiron, dem "Unbestimmten". Was soll ich denn mit diesen alten Knaben, wo wir doch heute alles so toll ausmessen, wiegen, unters Elektronenmikroskop legen und durch den Teilchenbeschleuniger jagen können - jetzt haben sie ja sogar auch das 21. Chromosom entdeckt. Und dann Thales, mit seiner verschossenen Wasser-Theorie? Stop: Kommt das Wort Theorie nicht auch aus dem Griechischen? Haben die Griechen nicht eigentlich die Theorie erfunden? Langsam, langsam, nochmal von vorne.

Max und Rudolf ziehen sich mit einem halben Meter Bücher in ein stilles Kämmerchen zurück und kommen nach ein paar Stunden mit etwas müden, aber leuchtenden Augen zurück.
Heureka! Die Vorsokratiker waren gar nicht so dumm! Klar, ihre Einzelergebnisse mögen kindisch erscheinen, aber sie taten den entscheidenden Schritt zur Entwicklung der Naturwissenschaft - und damit den ersten Schritt zu Elektronenmikroskop und Teilchenbeschleuniger. Ehrlich! Warum? Weil sie

1. das Weltbild, das überliefert war, nicht mehr akzeptierten, sondern fragten:
Warum funktioniert alles so, wie es funktioniert?

2. versuchten, ihre Antworten im Rahmen eines in sich schlüssigen, widerspruchsfreien Systems zu fassen.

Und jetzt - ein paar ernsthafte Ausführungen zu diesem Thema!

1. Was ist ein Vorsokratiker?

Die Vorsokratiker waren die ersten Philosophen, oder besser: Naturphilosophen und -forscher. Der Name "Vorsokratiker" beruht auf der Tatsache, dass mit Sokrates ein neues Kapitel der Philosophiegeschichte aufgeschlagen wurde, nämlich das der philosophischen Ethik. Die Bezeichnung ist nicht nur zeitlich zu verstehen, sondern bezieht sich auf die Richtung des Philosophierens. Ihren Anfang fand die vorsokratische Philosophie an den von Griechen besiedelten Küsten Kleinasiens, auf der Drehscheibe zwischen Osten und Westen, vor allem in Milet. Deshalb werde ich stellvertretend für alle Vorsokratiker auf die Milesier eingehen.
Die Vorsokratiker suchten nach einer naturwissenschaftlichen Erklärung für natürliche Phänomene, die bisher nur durch die Götter erklärt wurden. Außerdem versuchten sie, Zusammenhänge zwischen einzelnen Vorgängen herzustellen und ihre Erkenntnisse auf eine rationale Basis zu stellen. Sie gaben sich nicht damit zufrieden, alles als von den Göttern gegeben anzusehen, und standen diesen kritisch, aber nicht völlig ablehnend gegenüber.

2. Die Milesier
a) Thales

Nach Herodot lebte T. im 6. Jhdt v. Chr. Er sei auf vielen Gebieten, unter anderem Mathematik und Astronomie, gebildet gewesen, habe seine Ansichten aber nie aufgeschrieben. Er habe eine Methode zur exakten Berechnung der Höhe der Pyramiden entwickelt. Weil er die aus Beobachtungen über die Sternenkonstellationen entwickelten Methoden zur Vorhersage zukünftiger Konstellationen kannte, entwickelte er eine gewagte eigene Methode, mit der er glücklicherweise die Sonnenfinsternis von 585 v. Chr. voraussagte. Dieses Ereignis war von herausragender Wichtigkeit, denn wäre es nicht passiert, hätte man ihm und seinen Nachfolgern, Anaximander und Anaximenes nicht geglaubt und die Naturphilosphie und die mathematischen Methoden des Thales wären nicht anerkannt worden. Einen Teil seiner Methoden entwickelte er aus schon lange im Orient bekannten und praktisch angewandten Kenntnissen. Er bewies beispielsweise, dass der Durchmesser eines Kreises diesen in zwei gleich große Hälften teilt. Ob er dies berechnete oder an Holzscheiben demonstrierte, ist nicht eindeutig geklärt. Nichtsdestotrotz wurden durch seine Forschungen präzise ingenieurtechnische Vermessungs- und berechnungsarbeiten ermöglicht und vereinfacht. Er legte außerdem mit seiner Tätigkeit die Grundlage für die Mathematik als eigene Naturwissenschaft. Den Göttern stand er kritisch gegenüber.
T. glaubte, der Ursprung von allem sei das Wasser. Dadurch entzauberte er die Mythen um die Schöpfung, weil das Wasser in der Antike schon immer eine wichtige Rolle spielte, in mythos wie in logos. Homer singt in seinem Epos vom Okeanos als Ursprung allen Lebens, auch bei anderen Dichtern steht das Wasser am Anfang. In der Wirklichkeit verbindet man die Begriffe Wasser und Leben sofort mit dem Nil und seinem periodischen Hochwasser, das den Großteil der Ägypter am Leben erhält. Er behauptete, die Erde treibe wie eine Holzscheibe auf dem Wasser. Dadurch entzauberte er zwei bisher Gottheiten zugeschriebene Naturphänomene: den Wind, der ja bei einer Bewegung jeglicher Art entsteht, und das "Wandern" der Sterne am Himmel, da die Scheibe, von den Strömungen herumgetrieben, sich auf dem Wasser fortbewegt.

b) Anaximander

Apollodor zufolge war er 25 Jahre jünger als Thales. Während Thales sich mit Naturwissenschaften aller Arten befasste, suchte Anaximander nach einem System, einem größeren Zusammenhang. Er entwickelte die Lehre eines Systems, in dem alles auf die selbe Weise, aber aus unterschiedlichen Elementen entsteht.
Er sah den Ursprung von allem, also Wasser, Sternen usw. im apeiron. Das apeiron war sowohl in Umfang als auch in Alter unumschränkt und unendlich. Es konnte auch nie zugrunde gehen, anders als alle Dinge der Erde. Es steht am Anfang seiner Erfahrungsgegenstände, weil es etwas ist, das keinen Rückschluss ermöglicht oder nötig macht. Trotz dieser komplexen Theorie muss es etwas dinghaftes sein, etwas, das existiert. Es darf nicht als naiv bezeichnet werden, an seinem Glauben an etwas Unsichtbarem festzuhalten. Heutige Physiker glauben auch fest an die theoretisch beweisene Existenz von Elektronen und Neutronen. Indem er seinem Element die Eigenschaften der Götter anrechnet, Alterslosigkeit und Unendlichkeit, stellt er die Götter auf eine Stufe mit dem apeiron, weil beide nämlich zeitlos seien, seien sie nie entstanden, also gäbe es auch keine Götter.
Die eigentliche Entstehungsgeschichte stützt er auf tagtäglich zu beobachtende meteorologische Vorgänge. Aus dem apeiron habe sich eine Art Samen abgesondert, aus dem eine Pflanze wuchs. Im Innern dieser Pflanze umschloß eine Hülle aus Feuer einen Kern aus Wasser. Diese beiden Elemente verdichteten sich immer weiter, bis es zu einer Explosion (Parallelen zur "Big Bang"-Theorie) kam. Bei dieser blieben einige radförmige Feuerstreifen übrig. Am weitesten vom Zentrum wurde der weggetragen, der jetzt die Sonne unseres Universums bildet. Alle Feuerstreifen wurden von massiven Luftschichten eingeschlossen. Aus dieser brach von Zeit zu Zeit eine Stichflamme hervor. Bis der Nebel die Stelle verschloß, war dort ein Stern zu sehen, manchmal auch eine Sonnen- oder Mondfinsternis (Ob er nicht wusste, dass die Sterne eine feste Position haben? Thales wusste es!). In der Mitte der Streifen blieben die Erde und das Wasser als erhärteter, zylinderförmiger Kern. Er hatte sogar berechnete Maße, die aber im Lauf der Zeit verloren gingen. Er war somit der Begründer der Kosmologie.

c) Anaximenes

Er lebte in der zweiten Hälfte des 6. Jhdts. v. Chr. Er führte die Lehren Anaximanders fort, war aber bemüht, sie von ihren spekulativen Elementen zu befreien und unlogische Schlussfolgerungen auszuräumen. Er sah den Ursprung der Dinge nicht in einem unbestimmbaren apeiron, sondern in dem Stoff aér (Luft), der alle Eigenschaften des apeiron erfüllte und tatsächlich vorhanden war. Anaximander hatte das Sichaussondern des Ursamens mittels eines Vergleiches aus der Natur beschrieben, Anaximenes hingegen versuchte, den Vorgang vernünftig zu erklären. Dazu führte er den epochalen Begriff der Verwandlung des Stoffes ein. Sein Urstoff bekommt noch ein paar Eigenschaften hinzugefügt, die Auflockerung und Konzentration. Logische Beispiele hierfür sind die Wandlungsfähigkeit der Luft in festere, wie Dampf oder Wasser, und wieder rückwärts in Stoffe geringerer Konzentration, wie Luft oder Nebel. Sicher scheint, dass die Erdscheibe auf dem aer reitet (Aber ist Erde nicht schwerer als Luft? Müsste sie nicht endlos fallen?). Seine Theorie hatte gegenüber der von Anaximander den Nachteil, dass sich alles nicht so zugetragen haben muss. Im Gegensatz zu Anaximander hält er die Sterne, und nicht die Sonne, für am weitesten entfernt.

Mit unserem Überblick ist das Thema nur angerissen und nur eine vorsokratische Stoßrichtung erfasst: Die Frage nach dem Ursprungsstoff der Welt. Für Interessierte empfehlen wir: Die Vorsokratiker I, Reclam-Bibliothek Nr. 7965

Max&Rudi